Das Schandmaul, der Ausländer und die Glatze

Das Schandmaul, der Ausländer und die Glatze

Markus steht im Empfangsbereich seines Hausarztes und wartet. Wann genau er einen Termin hat, weiß er nicht mehr. Darum ist er heute hier, um nachzufragen und sicher zu gehen, dass er ihn nicht doch schon verpasst hat.

Vor Markus steht ein fremdländischer junger Mann. Es fällt ihm schwer, sich auszudrücken. Die Arzthelferin fragt, ob er den vereinbarten Termin wahrnehmen könne, und er haspelt nach Worten, um zu erklären, dass er an diesem Tag Schule habe. Das Wort ›Schule‹ ist auch das einzige, das ihm in diesem Gespräch so recht gelingen mag. Ob er sich auch gleich hinsetzen und warten könne, bis der Arzt Zeit habe, will die blonde Helferin wissen. Sie geht sehr liebevoll mit dem Jungen um, wiederholt ihre Fragen immer wieder, bleibt freundlich, scheint keinerlei Probleme damit zu haben, dass er nicht von hier ist und dass es ihm schwerfällt, sich zu verständigen.

Während des Gesprächs sieht Markus plötzlich die Eingangstür aufschwingen. Im Eingang lugt ein Rollator hervor. Die schwere Holztür fällt zurück und treibt das Gefährt wieder nach draußen. Markus geht zur Tür und hält sie geöffnet, bis die ältere Dame über die kleine Schwelle eingetreten ist. Dann stellt er sich wieder an und wartet weiter.

Der Dunkelhäutige und die Arzthelferin kommen zum Ende. Der Junge hat verstanden, lächelt sie dankend an und tritt hinüber ins Wartezimmer.

Markus würde sich nicht als Nazi bezeichnen, trotzdem ist ihm unwohl. Denn dieser junge Mann ist nicht der einzige Fremde hier, noch zwei andere sitzen bereits im Wartebereich.

›Das war doch vor einem Jahr noch nicht so‹, denkt Markus bei sich und tritt an den Schalter.

Die Begrüßungsfloskeln werden gewechselt, ehe Markus seine Situation erklärt: »Ich habe ein kleines Problem, denn ich kann meinen Zettel mit dem Termin nicht mehr finden. Mir war so, als wäre es der Siebte gewesen. Darum bin ich jetzt hier, in der Hoffnung, mich nicht vertan zu haben.«

Die Helferin nimmt seine Krankenkarte und liest sie ein. Dann lächelt sie und antwortet: »Der Vierte wäre es gewesen. Hm … schlecht. Naja, beides Zahlen mit einem Strich.«

Beide schmunzeln, doch Markus ist das sehr unangenehm. Die Arzthelferin bleibt ruhig und schaut nach einem neuen Termin. Dann sieht sie Markus kurz zuvorkommend an und sagt ihm, er könne sich mit dazusetzen. Markus bedankt sich und nimmt Platz im Wartezimmer – am Fenster, in der hintersten Ecke.

Er hat vergessen, ein Buch einzupacken. Die sozialen Medien vertreiben ihm nur wenige Minuten die Zeit und so beginnt er, die Leute um sich herum zu beobachten. Seine Augen treffen wieder auf den Fremden aus dem Empfangsbereich. Dieser isst gerade einen Apfel und Markus fragt sich: ›Geht er selbst einkaufen, damit er immer einen Notfall-Apfel hat? Wenn es doch einmal etwas länger dauert als geplant? Hat man ihm beigebracht, dass Äpfel gesund sind? Oder gibt es da so ein paar Öko-Frauen, die ihm jeden Tag ein Paket mit Nahrung zusammenstellen?‹

Während seiner verschrobenen Fragen rollt langsam die ältere Frau herein. Sie schiebt sich vor einen Tisch in der Mitte des Zimmers, versucht irgendwie, sich hinzusetzen. Dabei fällt ihr ein Zettel vom Rollator. Sofort springt der Immigrant vom Stuhl, hebt ihr das Papier auf, justiert den Rollator etwas, damit die Dame sich besser auf ihren Stuhl begeben kann und setzt sich dann selbst wieder. Er strahlt eine tiefe Ruhe aus, eine zuvorkommende Freundlichkeit und hält Blickkontakt mit der Älteren. Beobachtet, ob er noch einmal helfen kann. Erst nach einer Weile, als sie beginnt, ein Formular auszufüllen, konzentriert er sich wieder mehr auf seinen Apfel, vielleicht auch auf seine eigenen Gedanken.

Eine Dame mit kurz geschnittenen, lila bis schwarzen Haaren betritt das Zimmer. Sofort beginnt sie, lautstark auf ihre Sitznachbarin einzureden. Dann steht sie auf, und ohne alle anderen Wartenden zu fragen, öffnet sie ein Fenster. Kaum hat sie sich wieder gesetzt, fährt sie damit fort, irgendwelche belanglose und gänzlich alltägliche Dinge von sich zu geben.

Es dauert nicht lange und Markus entlarvt sie als Schandmaul. Natürlich, anders ist dieses Wesen nicht zu beschreiben. Wenn alle still warten, platzt nur ein Prolet hörbar in solch einen Raum, macht sich bemerkbar durch komische Witze und eine tiefe, räudige Stimme. ›Wer unter Fremden redet‹, versichert sich Markus selbst wieder einmal, ›kann nicht ganz normal sein.‹ Er ist genervt vom Pöbel, fragt sich, warum sie nicht einfach die Klappe halten kann.

Jene Frau springt unvermutet auf und tritt an die ältere Dame heran.

»Ich bring den Zettel mal für Sie nach vorn?! Sie sind doch fertig, oder?«, fragt sie viel zu laut in Markus’ Ohren.

»Oh, das ist sehr lieb. Vielen Dank«, erwidert die Ältere.

Markus fragt sich sofort, wie unangenehm das womöglich gerade dieser älteren Dame sein möge. Aber schnell ist diese Fiktion verdrängt, dieser Ausflug in Empathie.

Für viele Fragen und kleine Tests musste Markus zu zwei verschiedenen Arzthelferinnen. Jetzt sitzt er im Gang, direkt vor dem Zimmer des Arztes, und wartet auf sein abschließendes Gespräch. Zwei Stunden sind mittlerweile vergangen, aber er ist froh, geblieben zu sein. Neben ihm sitzt nun die ältere Dame, manchmal lächelt sie ihn an, wenn er gelangweilt durch den Raum blickt.

Geschickt, aber mit großer Anstrengung, rafft sich die Frau auf und tippelt hinüber zur Toilette. Markus hört immer wieder die tiefe Stimme des dümmlichen Weibes. In dem Moment, als Markus mit sich selbst debattiert, wie die Dame mit dem sperrigen Rollator jetzt auf die Toilette kommt, springt das Schandmaul auf und geleitet sie hinein. Dann versichert sie ihr, sie würde ihr auch wieder heraushelfen, sie müsse nur an die Türe klopfen. In der Zwischenzeit setzt sie sich wieder in den Gang, sagt mit einem rauchigen Lachen: »Tja, irgendwann sind wir auch mal so alt!«

Markus ist verwundert und wird aufgerufen. Alle Fakten seines momentanen Zustandes werden besprochen, er erhält einen neuen Termin und fährt nach Hause.

Am nächsten Morgen setzt er sich um 6:15 Uhr in die Bahn und fährt zur Arbeit. Kurz bevor er seine Haltestelle erreicht hat, steigt ein Mann mit Glatze und merkwürdig roter Haut hinzu.

Immer wieder hebt der Mann seinen Arm und setzt seine morgendliche Flasche Feldschlößchen an. Als Markus aussteigt, blickt er noch in das Gesicht des Mannes. Es wirkt eingefallen, verbraucht und älter, als der Mann wohl wirklich ist. Seine Augen strahlen Stumpfsinn und eingeschlafene Toleranz aus.

Markus schaut noch einmal auf das Bier und denkt bei sich: ›Jetzt ist die Welt wieder vertraut.‹

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